Vertextete Gewalt

Eine kluge Kritik an jenem Teil der queerpolitischen Szene, der immer häufiger als identitäre und autoritäre Sekte auftritt, ist ausgeblieben - bis jetzt. 

Von Ruth Oppl (Neues Deutschland vom 08.04.2017)

Auf Twitter steppt mal wieder der Bär. Unter anderem wird zu einer Bücherverbrennung aufgerufen und über die »Schwuchteln« und »Drecksgestalten« hergezogen, deren Macht notfalls auch mit Hilfe von Baseballschlägern zerstört werden müsse.

Die da gerade zum Angriff blasen, gehören jedoch nicht irgendwelchen Rechtsaußenklüngeln an, sondern bezeichnen sich selbst als »queer« und »links«. Was sie so sehr in Rage bringt, ist der soeben erschienene Sammelband »Beißreflexe«, dessen Autorinnen und Autoren sich in 27 Texten kritisch mit den Erscheinungsformen des queeren Aktionismus auseinandersetzen. Die sehr unterschiedlichen Texte reichen von persönlichen Erfahrungsberichten über Interviews bis zu theoretischen Abhandlungen, werfen Schlaglichter auf alle Konfliktzonen dieser überfälligen Auseinandersetzung und beleuchten die Widersprüche in der Theorie und der Praxis dieser Szene.

Dabei beruft sich die Herausgeberin des Buches, Patsy l’Amour laLove, auf den ursprünglichen Begriff von »queer«: »In ›Queer‹ scheint das utopische Glück auf, dass die sexuell Anderen ohne Angst verschieden sein können. Queer transportiert eine Geschichte emanzipatorischen Kämpfens, es ist ein reizvoller Begriff, der zum Hinterfragen der heterosexuellen Normalität ebenso aufruft wie zur selbstbewussten Entgegnung der Perversen und Anderen.« Heute konstatieren die Autor_innen des Sammelbandes eine Verengung des Begriffs »queer«, der mittlerweile dazu dient, Schwule und Lesben auszugrenzen und anzugreifen.

»Nur Betroffene dürfen urteilen und sprechen, ich darf nicht sprechen, und alles, was ich sagte, war folglich nicht nur falsch, sondern auch extrem verletzend.«

»Mea culpa, mea maxima culpa.« möchte man als katholisch sozialisiertes Wesen sofort ergänzen, und tatsächlich gleicht das, was Patsy l’Amour laLove in ihrem titelgebenden Einleitungstext als Praxis der Queer-Aktivistenszene beschreibt, eher dem religiösen Ritual einer Sekte als einer linksradikalen Aktion.

Mitglieder der queeren Szene legen einen außerordentlichen inquisitorischen Eifer (Mobbing, Stalking, Verleumdung) gegenüber vermeintlichen »Abweichlern« aus den eigenen Reihen an den Tag, und sie haben eine Position im sich verdichteten Netz aus Politik, Kultur und Wissenschaft erlangt, die es ihnen möglich macht, emanzipatorische politische Arbeit zu verhindern. Auch daher ist es überfällig, sich mit den Glaubenssätzen dieser Bewegung auseinanderzusetzen. Das tun die »Beißreflexe«. Gut recherchiert, differenziert in ihrer Argumentation, ohne denunziatorisch zu werden, setzen sich die Autor_innen mit den heiligen Kühen der queeren Szene auseinander. Und treffen, wie man an der Performance der queeren Szene im Netz sieht, die einem Reenactment der Thesen des Buches gleicht, auf einen Nerv.

Dreh- und Angelpunkt der queeren Theorie, die sich aus der Postmoderne entwickelt hat, ist eine Idee von Identität, die vor Widersprüchlichkeiten strotzt und die je nach Bedarf stets so ausgelegt werden kann, dass die eigene politische Haltung bestätigt wird. »Betroffenheit« ist nämlich nicht gleich »Betroffenheit«. Ist jemand aufgrund seines Geschlechtes oder seiner Sexualität von patriarchaler sexistischer Gewalt betroffen, ist das zum Beispiel nicht ausreichend.

Denn erstens lehnt die queere Community Geschlecht oder Sexualität als identitätsbildend ab, weil es sich dabei um gesellschaftlich konstruierte Konzepte handele. Die Begrifflichkeiten »schwul«, »lesbisch« oder »Frau« werden von ihr als »Label« denunziert. Stattdessen wird von »Cis-Männern« oder »Cis-Frauen« gesprochen (Menschen, die das Geschlecht, mit dem sie geboren wurden, auch als ihr Geschlecht empfinden), in Abgrenzung zu »trans« (Menschen, die einem anderen Geschlecht zugehörig sind als dem, mit dem sie geboren wurden) oder »nicht binären« Personen (Menschen, die sich keinem Geschlecht zuordnen). »Cis-Personen« gelten als »privilegiert« (da der lange Kampf um die Rechte auf die sexuelle Selbstbestimmung in der westlichen Welt ja mittlerweile Früchte getragen hat), vor allem wenn sie von der queeren Community als »weiß gelesen« werden. Statt für die Rechte gesellschaftlich Marginalisierter zu kämpfen, wird von den Queer-Aktivist_innen dafür gekämpft, »Privilegien« - also in der Vergangenheit erkämpfte Individualrechte - abzuschaffen.

Zweitens gilt es, folgt man dem kruden Denken der Aktivist_innen, patriarchale sexistische Gewalt nur in der westlichen Welt anzugreifen. Diese Gewalt und andere Zurichtungen in anderen Gesellschaften zu thematisieren, zum Beispiel muslimisch geprägten, gilt den Queer-Leuten hingegen als »Kolonialismus«.

Das bedeutet drittens, dass Frauen- oder Schwulenrechte einer antirassistischen Attitüde als neuem Hauptwiderspruch untergeordnet werden. Eine Universalität der Menschenrechte wird von der Queer-Community abgelehnt und steht unter Rassismusverdacht. Damit wird das Leid der von Gewalterfahrung Betroffenen hierarchisiert, das Konkurrenzprinzip der kapitalistischen Gesellschaft in eine Opferkonkurrenz transformiert.

Selbst nichtweißen Menschen (»People of Color«, »PoC«) wird das Recht auf Kritik an ihrer Herkunftskultur abgesprochen. Sie werden dann als »Token Kanak« oder »Haustürken« bezeichnet. So geschehen im Fall des deutschlibanesischen schwulen LGBT-Aktivisten Nasser el-Ahmad, der nach seinem Coming Out zwangsverheiratet werden sollte und von seiner Familie mit dem Tod bedroht wurde. Weil er zu einer Demonstration gegen Homophobie in Neukölln aufrief, wo er aufgewachsen ist und wo seine Familie lebt, wurde ihm von Seiten der queeren Community vorgeworfen, er treibe durch die Wahl des Ortes Neukölln eine »antimuslimische Stigmatisierung« des Bezirks voran und wolle diesen als »homophob« denunzieren.

Die hier zu beobachtende Täter-Opfer-Umkehr zeigt sich als symptomatisch für die queere Bewegung. Obwohl sich die Szene die Fähigkeit, mitzufühlen und empfindsam zu sein, quasi als Alleinstellungsmerkmal auf die Fahne schreibt, gilt dieses Mitleiden vor allem ihren Mitgliedern selbst: Verschränkte Arme oder Kopfschütteln eines Zuhörers während eines Vortrags an einer Universität führen zu einem Raumverweis, weil die Kopf- oder Armhaltung verletzendes »mikroaggressives Verhalten« darstellt, und wenn jemand im Gespräch eine falsche Bezeichnung oder einen falschen Artikel verwendet, wird dies von seinem Gegenüber zur Gewalterfahrung mit Traumatisierungspotential hochgejazzt. (Wohlgemerkt, diejenigen, die hier großen Wert darauf legen, als Opfer wahrgenommen zu werden, sind dieselben Leute, die andere als »Schwuchteln« und »Drecksgestalten« bezeichnen.) Empathie gegenüber Opfern islamistischer Gewalt sucht man trotz dieser stets zur Schau getragenen hohen Empfindsamkeit innerhalb queerer Zusammenhänge allerdings vergeblich. Tjark Kunstreich zeichnet in seinem Beitrag etwa nach, wie nach dem Attentat auf einen überwiegend von LGBT besuchten Nachtclub im US-amerikanischen Orlando, bei dem im Juni vergangenen Jahres 49 Menschen getötet und 53 verletzt wurden, von queeren Aktivist_innen vor allem Wert darauf gelegt wurde, dass dort keine weißen »Cis-Schwulen« umgekommen seien, sondern vor allem Schwarze und Latinos. Die Opfer wurden rassifiziert, die sexuelle Ausrichtung der Opfer, die deshalb Opfer wurden, weil sie in einem Gay-Klub gefeiert haben, wurde hingegen in den Hintergrund gedrängt. Umgekehrt wurde der Täter zum »homophoben Waffennarren« reduziert. Sein strengreligiöser Hintergrund sowie der gewalttätige Vater und Familienpatriarch wurden ausgeblendet.

Die Autor_innen des Buches »Schwule Sichtbarkeit - schwule Identität«, dem Patsy L’Amour laLove einen eigenen Text widmet, gehen noch einen Schritt weiter. Deren Argumentation zufolge lässt öffentliches Schwulsein keinen Raum für andere, nicht-schwule Lebensweisen und muss als aggressiv von außen oktroyierter Emanzipationsprozess, der »kolonialistisch« und »rassistisch« sei, unterbunden werden. Auch Schwulenverfolgung und Frauenunterdrückung in islamischen Staaten sind demnach ausgedacht und konstruiert, die alleinige Gewalt, so die Autor_innen aus der Queer Community, geht von zwei Männern aus, die sich in der Öffentlichkeit küssen.

Selbst die Religion, in diesem Fall der Islam, wird nicht nur nicht mehr als Herrschaftsinstrument erkannt. Das Individuum mit seinen Bedürfnissen wird ihr untergeordnet und sie wird umgedeutet zu etwas Verfolgtem, das es zu schützen gilt. Und was früher Religionskritik hieß und als eine linke Selbstverständlichkeit galt, wird plötzlich zu »Religionsfeindlichkeit« oder gar zu »Rassismus«.

So sehr in der queeren Szene Wert darauf gelegt wird, dass Geschlecht und Sexualität gesellschaftliche Konstrukte sind, so vehement werden kulturelle Eigenarten als festgeschrieben und unveräußerlich verteidigt. Eine »Kultur« wird bei diesen Leuten zu einer Gemeinschaft, aus der es, ist man einmal in sie hineingeboren, kein Entrinnen geben kann und darf. Die jeweiligen kulturellen Eigenarten wiederum sind Eigentum dieser »Kulturen« und dürfen nur von Angehörigen derselben gebraucht werden, alles andere gilt schlichtweg als »Rassismus« bzw. »Kolonialismus« und heißt dann »kulturelle Aneignung«: Dreadlocks, Tunnelohrringe, Yoga und Tattoos - ob es sich nun um eine Frisur, eine Entspannungstechnik oder einen bestimmten Körperschmuck handelt, all das kann Ausdruck von »Rassismus« sein. Ein Konzept übrigens, das dem bayerischen Brauchtumswächter sofort einleuchtet, dem es schon immer ein Dorn im Auge war, dass die »Saupreiß’n« nicht nur ein Dirndl tragen, wenn sie das Oktoberfest besuchen, sondern sich in gedankenloser Blasphemie auch noch Turnschuhe dazu anziehen.

Einer bestimmten »Kultur« zugeordnet wird Mensch auch in der queeren Szene. Äußerlichkeiten wie der Name oder die Farbe von Haut, Haar und Augen sind dabei von zentraler Bedeutung. »Aus der Erfahrung von Rassismus«, schreibt Marco Ebert zur Kritik dieses Blödsinns, »wird mit einer Überaffirmation der Kategorien Ethnie und Rasse geantwortet, die nun auch die trivialsten Bereiche gesellschaftlichen Lebens durchstrukturieren sollen.« So wird Rassismus jedoch nicht abgeschafft, sondern fortgeschrieben.

Während in Deutschland und Europa also rechtsnationale Parteien mit dem Versprechen, Individualrechte wie das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung oder das Recht auf Abtreibung einzuschränken, Wahlen gewinnen, geht eine sich selbst als »links« bezeichnende Gruppierung gegen diejenigen unter »den Anderen« vor, die diese Rechte einst erkämpft haben. Und während NGOs vorgeworfen wird, zu viele Menschen vor dem Ertrinken zu retten, rassistische Straßenmobs auf Menschenhatz gehen und Kriegsgebiete zu sogenannten sicheren Herkunftsstaaten deklariert werden, droht die queere Szene Patsy l’Amour laLove mit Baseballschlägern, weil es sich bei dem Buch »Beißreflexe« um »vertextete Gewalt« handele, die mindestens ebenso bekämpfenswert sei wie der Zivilisationsbruch, der sich gerade in Deutschland und Europa Bahn bricht.

 

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