Sex High-Tech

„Nichts an dem Menschen ist natürlich“, meinte vor Kurzem ein Freund von mir. Und schon gar nicht Sex, könnte man anlässlich der Oster-Sexparties hinzufügen.

Vor einigen Monaten habe ich den Essay von Paul Preciado Testo Junkie zu Ende gelesen. Früher war es mir nie so bewusst, inwiefern unsere Begierde von den Erfindungen der Pharmaindustrie geformt und beeinflusst wird.

Am Ende des Buches musste ich an die zahlreichen Sexparties in Berlin denken. Manche verzeichnen mehrere Tausend Besucher, zum Beispiel jetzt am Osterwochenende. Sextouristen kommen in Scharen mit Low Costs und gehören mittlerweile zur Folklore der Stadt.

Ein junger und anscheinend unerfahrener Kerl, den ich im Internet kennengelernt hatte, schwärmte von der Hemmungslosigkeit, die an solchen Sexparties herrscht: es fühle sich wie eine Rückkehr zum Naturzustand! Da musste ich aber lachen…

Viele Jungs unterliegen immer noch der Illusion, die Verhältnisse bei solchen Veranstaltungen seien absolut frei, obwohl die Spielregeln eigentlich sehr starr und die Zwänge nicht unwesentlich sind, sei es in der Einrichtung des Ortes, in dem Verhalten der Teilnehmer oder sogar in der chemischen Konditionnierung der Körper. Nach der Lektüre des Buchs Preciados musste ich all die Substanzen innerlich aufzählen, die an solchen bzw. in Verbindung mit solchen Parties konsumiert werden. Die Bilanz ist schwindelerregend:

Die Zwanzigjährigen, die Viagra schlucken, um die ganze Nacht einen optimalen Erektionswinkel zu halten. Diejenige, die Tina konsumieren, um die Turbofuckers aus den Filmen von Treasure Island Media nachzuäffen. Poppers gehört natürlich dazu, um die Löcher aufnahmefähiger zu machen oder den Rausch zu verstärken. Red Bull als Aufputschmittel ist nicht mal erwähnenswert. Denken wir auch an die Jungs, die einen Monat lang prophylaktische Medikamente schlucken, weil sie ein Risiko eingegangen sind. Wie wird sich diese ganze Konfiguration mit der Einführung von Truvada entwickeln? Die aktuelle HIV-Medikamente machen manche Kontakte möglich, die früher nicht so selbstverständlich waren, weil heutzutage HIV-Positiven unter Behandlung nicht mehr ansteckend sind. Alle Substanzen habe ich natürlich nicht aufgezählt. Nur, wenn man sich genau überlegt, haben diese zeitgenössischen Orgien mit der erotischen Utopie eines fantasierten Naturzustandes eigentlich gar nichts zu tun.

Die Sexparties sind richtige High-Tech Veranstaltungen, die ohne den freiwilligen und wirtschaftlich organisierten Konsum von teilweise hoch entwickelten Substanzen zu Unterhaltungs-, performativen, prophylaktischen und therapeutischen Zwecken nicht möglich wären.

Jeanne - 25.03.2016