Lieber David

David ist ein lieber Freund und ein guter Beobachter der queer Szene. Die Gespräche mit ihm sind für die Entwicklung dieses Projekts sehr wichtig gewesen. Bei ihm möchte ich mich auch herzlich bedanken!

Lieber David,

ich wollte einfach auf Lallas Bemerkungen über die schwule Szene reagieren. Vor meiner Transition habe ich selbst schwul gelebt. Es liegt mir also völlig fern, einer Szene, die für mich zwanzig Jahre lang eine Art Heimat gewesen ist, von heute auf morgen den Rücken zu drehen! Nur, dieser vermeintlichen  Gemeinschaft gegenüber bin ich immer schon  kritisch gewesen, und jetzt nach meinem Trans-Coming Out  umso mehr.

Um konkreter zu sein, denke ich manchmal an die Selbstgefälligkeit vieler schwulen Männern, die immer noch den Eindruck haben und erwecken, zu einer fortschrittlichen Gemeinschaft zu gehören, obwohl sie wichtige Entwicklungen der letzten zwanzig Jahren innerhalb der queeren Szene völlig verpasst haben. Immer wieder musste ich mir sprachlos Dinge und Sachen anhören, wie zum Beispiel Folgendes:

Vor kurzem hat Stefan behauptet, die Bisexualität existiere nicht! Ganz souverän, Monsieur schien Bescheid zu wissen, sowas würde es einfach nicht geben! Wunderbar! So einfach lässt sich die Komplexität lösen! Wochen später musste ich mir von seiner lesbischen Freundin anhören, manche Transmänner seien kaum mehr als Butche Lesben. Warum hab ich da die Klappe gehalten? Am Anfang meiner Transition meinte ein schwuler Freund von mir, ich würde es nicht schaffen, mich im Leben zu verankern!  Das war auch nicht schlecht: Die Infragestellung seiner Geschlechtsidentität als Orientierungslosigkeit und existenzielles Abdriften...

David, ich weiß, dass meine Entrüstung  vielleicht ein bisschen naiv ist, aber wie kann es sein, dass Minderheiten, die bis vor kurzem und immer noch jetzt als nicht legitim oder sogar pervers gelten, so wenig Offenheit und Verständnis für die Komplexität der anderen Minderheiten des queeren Spektrums zeigen? Es ist mir klar, dass diese Empörung schon hundert Tausende Male in den letzten dreißig Jahren geäußert worden ist, aber ich habe eine aktivistische Ader und bei solchen Aussagen sträuben sich mir die Haare.

Tief drin habe ich eine gewisse Sympathie mit diesem bisexuellen Jungen/Mädchen, einem hypothetischen Jungen/Mädchen, der/das sich immer wieder Sachen anhören muss wie z.B. „Es ist doch nur eine Phase, irgendwann wirst du wohl wissen, woran du bist“, „Ich hab dir immer gesagt, dass du unentschieden bist“, „Bisexualität ist doch nur ein Mangel an Akzeptanz seiner eigenen Homosexualität (in der Regel hinter dem Rücken des/der Betroffenen, natürlich!). Etwas in dieser Weigerung der Anerkennung verletzt mich. Dass eine Minderheit, die selber immer noch unterdrückt ist, das Unbestimmte nicht toleriert und Normen diktiert, macht mich einfach traurig.

Zurück zum Interview mit Lalla: ihre Kritik der schwulen und lesbischen Gemeinschaft spricht mich an, als sie behauptete ,ein Bündnis zwischen Transmenschen und Bisexuellen wäre zum heutigen Stand am Sinnvollsten! Meine eigene Erfahrungen und Beobachtungen können das nur bestätigen.

Na ja…mehr wollte ich da nicht sagen. Es ist mir fast peinlich, dieses uralte Klagelied anzustimmen, aber erinnere dich doch daran, was queer heißen soll, nämlich keine inhaltlich feste Einstellung, sondern eine Bereitschaft, jeglicher Form von Unterdrückung innerhalb unserer Gemeinschaft zu bekämpfen. Deswegen…

Tanti baci !!
Jeanne

 

Jeanne - 23.03.2016