Über den Tellerrand

In der Juni-Ausgabe der Siegessäule wurde ein Interview zu dem Projekt veröffentlicht. Vielen Dank an die Redaktion für diese Unterstützung! Hier nochmal eine kurze Beschreibung des Projekts:

Ins Leben gerufen wurde das Projekt von Jeanne. Seit über zwölf Jahren lebt die Französin bereits in Berlin und arbeitet als Übersetzerin. SIEGESSÄULE-Redakteur Roberto Manteufel sprach mit ihr über ihre Idee der Tauschbörse.

Erkläre doch kurz, wie die Queer Library funktioniert.
Die Plattform ist ausschließlich für den Berliner Raum gedacht. Die Leute können kostenlos ein Profil erstellen und Daten zu ihren Büchern – und sonstigen Medien – hochladen, die sie zur Verfügung stellen möchten. Ebenso gibt es eine Suchfunktion, mit der man nach Themen suchen kann, die einen gerade interessieren, zum Beispiel zu den Begriffen Sachbuch, Trans und Englisch. Die Leute einigen sich dann ganz allein untereinander, wo, wann und unter welchen Bedingungen der Büchertausch stattfindet.

Was ist deine Aufgabe dabei?
Ich bin die Initiatorin und die Administratorin des Projekts. Ich gucke, welche Bücher hochgeladen werden. Es geht mir nicht darum zu zensieren, aber da es eine Seite für queere Bücher ist, sollte dieser Schwerpunkt auch beachtet werden. So darf es aber auch zum Beispiel unter dem Begriff Homophobie trotzdem homophobe Schriften geben, die zu Recherchezwecken relevant sein könnten!

Wie kam es dazu, dass du die Seite ins Leben gerufen hast?
Dahinter steckt ein großes Stück Idealismus. Vielleicht bin ich sogar ein bisschen moralistisch. Ich finde es wichtig, dass man seine Geschichte kennt, weil man dann besser versteht, wo man selbst steht. Ich selbst habe vor meiner Transition schwul gelebt. Dadurch ist mir aufgefallen, dass man manchmal als Minderheit vergisst, selbstkritisch zu sein. Viele Schwule, gerade in Großstädten, benehmen sich, als ob alles in Ordnung wäre und gucken nicht über den Tellerrand. Teils sind sie sogar transphob und misogyn. Sich nur innerhalb einer Szene und ihrer Codes zu bewegen kann sehr einengen. Aber gerade durch die Kenntnisse von anderen Minderheiten und ihrer Geschichte und Entwicklung kann man freier sein. Das will ich durch meine Seite mit unterstützen. Zudem ist es ein Urtraum des Menschen: Kenntnisse zu sammeln. Man denke nur an die großen Bibliotheken des Altertums.

Bei der Queer Library kann man andere Profile nicht bewerten, was ja relativ unüblich für Tauschbörsen ist. 
Das Internet kann dazu verführen, sehr arrogant oder leichtfertig mit der eigenen Meinung zu sein. Und unter dem Vorwand der Transparenz benehmen sich dann viele wie Schweine. Dazu wollte ich gar nicht erst die Möglichkeit geben. Außerdem finde ich es kleinkariert, ob nun jemand drei statt fünf Sterne oder so bekommt.

Welches sind die Bücher, die du selbst unbedingt zum Lesen empfiehlst und verleihen möchtest?
Aus meiner schwulen Historie heraus den Klassiker „Das homosexuelle Verlangen“ von Guy Hocquenghem. Und seit ich endgültig verstanden habe, wer ich tatsächlich bin, und mich entfalten darf: Sandy Stones „The Empire Strikes Back: A Posttranssexual Manifesto“! Und natürlich immer und stets Simone de Beauvoir.

Einmal geträumt: Wo siehst du deine Seite in zehn Jahren?
Mir wurde schon vorgeschlagen, sie auf andere Städte auszuweiten. Das will ich aber nicht, sie soll lokal bleiben. Natürlich sollen die Leute die Seite benutzen. Im Idealfall funktioniert sie wie eine Dating-Plattform. Man trifft sich, um zum Beispiel ein Buch von Kate Bornstein zu tauschen, und landet anschließend 
gemeinsam im Bett.

Interview: Roberto Manteufel

Jeanne - 03.06.2016